ADHD-HIV-PrEP

Diese Website befasst sich mit der Schnittstelle zwischen der Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitÀtsstörung (ADHS) und HIV, einschliesslich Menschen mit HIV und Menschen, die eine HIV-PrÀexpositionsprophylaxe (PrEP) einnehmen.

Kurz gesagt

  • ADHS ist hĂ€ufig, wird oft nicht erkannt und ist in der HIV-Versorgung kaum erforscht.
  • Die wenigen vorhandenen Daten deuten darauf hin, dass ADHS bei Menschen mit HIV deutlich hĂ€ufiger sein könnte. Bei PrEP-Nutzenden hat bisher niemand nachgeschaut.
  • ADHS-Merkmale können sich auf Medikamenteneinnahme, Termine und Stress auswirken, und möglicherweise auch in die andere Richtung wirken, indem sie beeinflussen, wie Menschen HIV erwerben.
  • Wir verfolgen einen NeurodiversitĂ€ts-Ansatz: Verschiedenheit, nicht Defizit. Menschen mit gelebter Erfahrung leiten diese Arbeit mit.

Warum interessieren wir uns fĂŒr die Schnittstelle von ADHS, PrEP und HIV?

Weltweit erhÀlt etwa 1 von 40 Erwachsenen eine ADHS-Diagnose.

ADHS ist eine hĂ€ufige, aber oft ĂŒbersehene Erkrankung, bei der das Gehirn mancher Menschen Aufmerksamkeit, Impulse und AktivitĂ€t anders verarbeitet. Die tatsĂ€chliche Zahl dĂŒrfte jedoch höher liegen: Weil das Fachwissen ĂŒber ADHS im Erwachsenenalter fehlt, wird sie generell zu selten erkannt, und noch seltener bei Frauen und bei Menschen, die von Rassismus betroffen sind, deren Merkmale oft ĂŒbersehen oder als etwas anderes fehlgedeutet werden.

Einige sehr kleine Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit HIV deutlich hĂ€ufiger ADHS haben könnten als Menschen ohne HIV. Dennoch wurde ADHS bei Menschen mit HIV kaum untersucht, und bei Menschen, die PrEP einnehmen, ĂŒberhaupt nicht, trotz der möglichen ZusammenhĂ€nge.

Das ist wichtig, weil ADHS-Merkmale Dinge beeinflussen können, die fĂŒr die Gesundheit im Alltag zĂ€hlen: Medikamente nicht zu vergessen, Termine einzuhalten oder mit Stress umzugehen. Menschen mit HIV sind bereits hĂ€ufiger von Angst und Depression betroffen, und eine unerkannte ADHS könnte bei manchen Teil dieses Bildes sein. Ähnliche Merkmale können die regelmĂ€ssige Betreuung und die konsequente Einnahme bei PrEP-Nutzenden beeinflussen.

Es gibt auch einen möglichen Zusammenhang in die andere Richtung. Manche ADHS-Merkmale, wie die Tendenz, unmittelbare statt lÀngerfristige Belohnungen zu bevorzugen, können Dinge wie die konsequente Verwendung von Kondomen erschweren. Menschen mit ADHS haben zudem hÀufiger instabile Beziehungen oder schwierige Lebensereignisse erlebt, konsumieren hÀufiger verschiedene Substanzen und identifizieren sich hÀufiger als LGBTQ+. All das kann zusammen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, HIV zu erwerben.

Dabei geht es nicht darum, Einzelnen die Schuld zu geben: Es geht um ein MissverhĂ€ltnis zwischen der Art, wie manche Gehirne sich in einer Welt - und einem Gesundheitssystem - zurechtfinden, die nicht fĂŒr sie gebaut wurden.

Wir möchten HIV- und PrEP-Fachpersonen fĂŒr ADHS sensibilisieren. Vor allem aber möchten wir besser verstehen, wie viele Menschen mit HIV oder unter PrEP ebenfalls ausgeprĂ€gte ADHS-Merkmale haben und wie diese Merkmale mit anderen Lebensbereichen zusammenhĂ€ngen, etwa Substanzkonsum, Geschlecht, SexualitĂ€t und so weiter. Dies wird helfen, kĂŒnftige Forschung zu informieren und auszurichten, und so zu unserem VerstĂ€ndnis beitragen, wie Menschen mit ADHS in unseren Gesundheitssystemen am besten unterstĂŒtzt werden können.

Was ist unser Ansatz?

Wir verfolgen einen NeurodiversitĂ€ts-Ansatz, der Unterschiede in der Funktionsweise von Gehirnen, einschliesslich ADHS, als natĂŒrliche Variation betrachtet und nicht als Fehler, der korrigiert werden muss. Viele der Schwierigkeiten, mit denen Menschen konfrontiert sind, entstehen ebenso sehr durch eine Welt, die nicht auf unterschiedliche Arten des Denkens und Fokussierens ausgelegt ist, wie durch ADHS selbst.

Konkret nutzen wir Critical ADHD Studies (CADS) als Rahmen, der die Studie leitet. CADS beruht auf einigen Grundgedanken:

  1. Menschen mit ADHS sollten ein echtes Mitspracherecht in der Forschung ĂŒber sie haben, unabhĂ€ngig davon, ob sie auch ĂŒber akademische oder klinische Expertise verfĂŒgen.

  2. ADHS lÀsst sich am besten durch Medizin, Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften gemeinsam verstehen, nicht durch eine Disziplin allein.

  3. ADHS ist weder eine «Superkraft» noch eine «Störung». Beide Sichtweisen können schaden: Sie unterschÀtzen die sehr realen Schwierigkeiten, die ADHS mit sich bringen kann, oder stigmatisieren Menschen mit dieser Diagnose.

  4. Der Zugang ist nicht fĂŒr alle gleich. ADHS-Forschung, Diagnose und Zugang zu Behandlung stehen nicht allen gleichermassen offen. Faktoren wie ethnische Herkunft, Geschlecht, soziale Schicht und SexualitĂ€t prĂ€gen die Chancen einer Person, erkannt, diagnostiziert und unterstĂŒtzt zu werden, und sie können sich ĂŒberlagern und unterschiedliche Formen von Benachteiligung schaffen («IntersektionalitĂ€t»). Deshalb ist es von Anfang an Teil von CADS, diese sich ĂŒberlagernden Faktoren anzuerkennen und zu verstehen.

Mitglieder des Forschungsteams haben gelebte Erfahrung an den Schnittstellen von ADHS, HIV und PrEP, und weitere Menschen an diesen Schnittstellen werden zu verschiedenen Zeitpunkten der Studie einbezogen. So wollen wir eine weitere Stigmatisierung dieser Gruppen vermeiden und Forschung hervorbringen, die konkrete, positive Auswirkungen auf den Zugang zur Gesundheitsversorgung hat.

Unser aktuelles Projekt

Die Studie ist eine Querschnittsbefragung, die schÀtzt, wie hÀufig ADHS-Merkmale bei Menschen mit HIV und PrEP-Nutzenden in der Schweiz sind.

Mehr zur Studie

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